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Bologna nach der Corona-Krise – back to normal?

,,Home sweet home‘‘, kommt es mir über die Lippen als ich nach drei Monaten endlich wieder meine Wohnung im warmen Bologna betrete. Alles sieht aus wie ich es zurückgelassen habe. Das Bett ist nicht gemacht, meine Kleidung nur schnell in den Schrank gestopft. Im Bad stehen noch die Zahnbürsten von meinen Mitbewohnern. Man erkennt auf den ersten Blick in welcher Eile wir die Wohnung verlassen haben. Nur einen Rucksack hatte ich mitgenommen, dann war ich zusammen mit meinen Freund*innen ins Auto gesprungen und nach Berlin zurückgekehrt – gerade noch rechtzeitig vor der Grenzschließung.


Auslöser für meine ,,Flucht‘‘ war die Corona-Pandemie, die so ziemlich jeden in den letzten Monaten Tag und Nacht beschäftigt hat. Besonders die Italiener*innen. Hier hat die Pandemie erhebliche Schäden ausgelöst, nicht nur wirtschaftlich. 242.363 der Italiener*innen waren bisher mit dem Virus infiziert, 34.926 sind daran gestorben. Das ganze Land befand sich ab Anfang März in einem Lockdown. Nur der Supermarkt durfte besucht und der Müll runtergebracht werden. Das hat die sonst so lebendige Stadt Bologna und seine Bewohner*innen verändert.


In Berlin habe ich viel über die Menschen nachgedacht und mich, wie wahrscheinlich einige, gefragt, wie es nach der Krise weitergehen wird. Wird alles wieder zum Alten zurückkehren? Wie wird es in Bologna sein? Werden einige Restaurants schließen müssen, Menschen sich weniger draußen aufhalten?


Weder noch, denke ich als ich am Montagmorgen durch die überfüllten Straßen laufe. Es ist ein Zwischenzustand. Ungefähr die Hälfte der Menschen trägt Masken. Gehorsam desinfiziert sie sich bei jedem Geschäfts- oder Supermarktbesuch die Hände, lässt sich sogar Fieber messen. In Restaurants nimmt sie an den mit Abstand aufgebauten Sitzen Platz. Die andere Hälfte scheint sich an Abstandsregelungen nicht zu halten, drängelt vor und stößt am Vorbeigehen fast gegeneinander.


,,Viele der Italiener*innen nehmen die Hygieneregeln nicht ernst‘‘, findet meine italienische Freundin Sara, die in Bologna lebt und arbeitet. ,,Wie viele Menschen allein hier eng beieinander sitzen und keine Masken tragen ist unglaublich‘‘. Wir sitzen auf den Stufen vor dem Mercato delle Erbe und blicken auf drei verschiedene Bars, deren Sitzplätze alle besetzt sind. Die Menschen amüsieren sich, die Stimmung ist ausgelassen. Alles wirkt wie immer. ,,Ich verstehe dieses Verhalten nicht. Niemand möchte noch einmal drei Monate zu Hause verbringen. Die meisten Italiener*innen fürchten sich vor dem Zustand. Trotzdem verhalten sich nur wenige entsprechend‘‘.


Dabei gelten in Bologna die gleichen Regeln wie in Berlin. In Geschäften sollen Kund*innen eine Maske tragen, auf der Straße gilt diese Maskenpflicht zwar nicht, dennoch sollte auf einen Abstand geachtet werden. Um dies zu gewährleisten werden an öffentlichen Orten ausgeklügelte Systeme eingesetzt. Am Bahnhof sollen beispielsweise Pfeile das Kreuzen von Menschenmassen verhindern. Der grüne Pfeil regelt den Einstieg in den Zug, der rote den Ausstieg. Zudem tragen alle Menschen im Bahnhof Masken und alle 10 Meter lässt sich ein Desinfektionsspender finden. Auch in der Bahn ist jeder zweite Sitzplatz durch eine rote Schärpe gesperrt. Dadurch befindet sich nur etwa die Hälfte der sonstigen Passagiere im Zug.


Die Maßnahmen sind für Italien wichtig. Die Regierung will eine zweite Welle mit allen Mitteln verhindern. Denn die Auswirkungen der ersten werden noch lange zu spüren sein. ,,Vor allem die wirtschaftlichen Folgen werden uns noch Jahre beschäftigen. Viele Italiener*innen haben die vom Staat zugesagten Unterstützungen beispielsweise noch gar nicht erhalten‘‘, erzählt mir Sara. Wie in Deutschland wird sich auch hier erst in den nächsten Monaten zeigen, welche Geschäfte aufgrund der Krise schließen müssen und welche Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.


Auch die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind noch nicht absehbar. Werden die Hilfen der EU reichen? Wird sich die italienische Wirtschaft von der Krise erholen? Wird sich die politische Landschaft verändern?


Zumindest Sara glaubt, dass die Beliebtheitswerte der Regierungsparteien, der Fünf-Sterne-Bewegung und der Demokratischen Partei, durch die Krise erheblich sinken könnten. ,,Die Wähler*innen machen in Krisensituationen meist die regierende Partei verantwortlich. Ich könnte mir vorstellen, dass die Oppositionspartei, die Lega, die nächsten Wahlen deshalb gewinnen wird‘‘.


Die Konsequenzen der Krise sind also noch immer nicht vollständig abzusehen. Das hält die Menschen in Bologna in Atem. Den Zustand der Ahnungslosigkeit, der Einsamkeit und Isolation der letzten Monate können sie nicht so schnell vergessen. Aus diesem Grund halten sie sich meiner Meinung nach im Großen und Ganzen auch häufiger an die Hygieneregeln, im Vergleich zu den Menschen in Berlin. Auch weil mehr Systeme und Desinfektionsspender existieren, die dies sicherstellen. Bologna nach der Krise: es ist ein Bologna mit Maske, aber mit Freiraum. Ein Bologna im Post-Corona-Zustand.



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