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Nachts allein in Berlin nach Hause fahren – für Frauen zu gefährlich?

Ich sehe auf mein Handy. Es ist halb fünf Uhr am Morgen. Mit einem müden Blick steige ich allein in die Berliner U-Bahn. Erschöpft setze ich mich in ein Viererabteil. Der Waggon ist leer. An der nächsten Station öffnen sich die Türen. Eine Gruppe von Männern steigt ein. Sofort bin ich hellwach, setze mich gerade hin und drehe meine Musik lauter. Von nun an bin ich aufmerksam, verfolge jeden ihrer Schritte und Blicke, ohne dabei zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Die Situation scheint harmlos zu sein. Sie unterhalten sich lediglich, lachen und machen Witze übereinander.


Die nächste Station ist meine. Bis zur letzten Sekunde warte ich bevor ich aufstehe, damit mir auch keiner der Männer folgt. Dann stürme ich aus dem Waggon. Mit mir steigen mehrere Leute, auch Betrunkene, aus. Ich versuche sie gezielt zu meiden. Bloß keine Blicke kreuzen. Dann renne ich die Treppen hoch. Im Freien angekommen, bin ich nur fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Trotzdem trabe bzw. renne ich mindestens die Hälfte des Weges. Permanent sehe ich mich um, ob mir auch keiner der Ausgestiegenen gefolgt ist. Jede Person scheint mir verdächtig. Hellwach und außer Atem komme ich schließlich in meiner Wohnung an und schwöre mir nie wieder allein mit der Bahn nach Hause zu fahren. Doch glücklich macht mich diese Entscheidung nicht, denn ich weiß genau, wie abhängig mich diese macht. Ich müsste bei einer Freund*in übernachten, gehen wann er oder sie gehen möchte oder mir ein teures Taxi leisten. Und wieso überhaupt? Musste ich wirklich Angst haben, dass mir etwas Schlimmes passiert? Bin ich als Frau nachts auf der Straße, oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln einer größeren Gefahr ausgesetzt, als Männer?


Tatsächlich sind mir bereits einige Sachen auf dem Heimweg widerfahren. Angefangen bei harmlose Anmachversuchen bis hin zu penetranten Aussagen wie ,,Bist du Single? Ich heirate dich auch, damit ich dich ficken kann‘‘, die in der Nacht weitaus bedrohlicher wirken als tagsüber. Eines Nachts wurde ich zudem verfolgt. Als ich anfing zu rennen, begann auch der mir folgende Mann zu rennen. Meine nächtlichen Schrecken gipfelten jedoch in der Nacht, in der mich ein betrunkener Mann mit einem Messer bedrohte.


Zum Glück bin ich aus all diesen Situationen gesund und unberührt herausgekommen. Doch nicht nur mir passieren solche Erlebnisse. Auch meine Freundinnen und Kolleginnen haben mir bereits von Situationen erzählt, in denen sie nachts verfolgt wurden oder sich unwohl fühlten. Eine Freundin berichtete mir sogar, dass ein Mann sich in der Bahn einen runterholte und sie dabei ansah.


Trotz dieser Beispiele passiert nicht an allen Frauen etwas auf dem Nachhauseweg. Laut der Berliner Kriminalitätsstatistik wurden im Jahr 2018 rund 6900 Frauen in Berlin in der Nacht (22 Uhr bis 4 Uhr) angegriffen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Sexualdelikte. Überraschenderweise wurden Männer jedoch weitaus häufiger angegriffen. 61% der Opfer sind männlich. Unter diesen dominieren jedoch Straftaten gegen das Leben, Raub und Erpressung. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden Männer laut der Berliner Polizei häufiger Opfer von Straftaten (69,4%), ausgenommen von Sexualdelikten, bei denen die Zahl der weiblichen Opfer dominiert. Auch in Bezug auf die Anzahl von Delikten mit Gewaltcharakter sind 57,9% der Opfer Männer und 42,1% Frauen. Natürlich müssen diese Zahlen auch mit Vorsicht betrachtet werden, da nicht jede Straftat angezeigt wird. Trotzdem lässt sich feststellen, dass Männer auch Opfer von nächtlichen Angriffen werden können, sogar häufiger als Frauen.



Trotzdem fühlt sich kein einziger meiner männlichen Freunde unsicher, wenn er allein nach Hause fährt. Die Angst von Frauen, dass sie angegriffen, vergewaltigt oder ermordet werden könnten, wenn sie allein in der Nacht unterwegs sind, können sie aber nachvollziehen. Aber wieso fühlen sich Frauen nachts unsicher oder besser gefragt wieso sieht die Gesellschaft Frauen nachts in Gefahr?


Eine Rolle dabei spielt das Bild von Frauen. Diese werden stets als etwas Kostbares, zu schützendes betrachtet. Körperlich seien sie unterlegen, oft zu schwach, um sich zu wehren bzw. wird aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit keine große Gegenwähr erwartet. Aus diesem Grund sollen sie stets von einem Beschützer umgeben sein oder sich erst gar nicht in gefährliche Situationen begeben.


Außerdem gelten sie als Objekt der Begierde und potentielle Täter deuten jede kleine Geste der Freundlichkeit, Blicke und kurze Kleidung, als Bereitschaft und Aufforderung. Folglich wird Frauen geraten auf sich aufzupassen, um keine Opfer von Gewalt- oder Sexualtaten zu werden. Frauen oder junge Mädchen, die sich aber trotzdem allein in die Nacht begeben und womöglich Opfer werden, werden zwar bedauert, trotzdem schwingen meist Vorwürfe mit: Wieso war sie um diese Zeit noch draußen und ist den einsamen Weg durch den Park gelaufen? Dabei müssten in einer gleichberechtigten Welt Frauen die gleichen Ängste wie Männer durchstehen oder eben gar keine.


Doch nur weil sich Frauen in der idealen Welt allein in der Nacht keiner höheren Gefahr als Männer ausgesetzt fühlen sollten, ist dies nicht unbedingt Realität. ,,Ich bin zwar oft allein in der Nacht unterwegs und denke, dass das junge Frauen wie ich, aus einer feministischen Perspektive, auch dürfen sollten ohne Angst haben zu müssen. Trotzdem nehme ich in manchen Situationen doch lieber ein Taxi, da ich mich als Frau sonst nicht sicher fühle‘‘, schilderte mir eine Freundin. In einer brenzligen Situation habe sie das Gefühl sich nicht wehren zu können.


Auch ich bin mir meiner körperlichen Unterlegenheit bewusst. Schon oft habe ich gedacht, wenn ich mit meinen männlichen Freunden spielerisch kämpfte, dass ich mich in einer ernsten Situation nicht gegen ihre Kraft wehren könnte. Aus diesem Grund habe ich mir einen Plan zurecht gelegt. Je nach Situation würde ich entweder vor meinem Angreifer davon rennen, laut schreien oder ihn mit meinem spitzen Gegenstand wie einem Schlüssel stechen. Auch ein Pfefferspray habe ich mir für alle Fälle zugelegt.


Vorher Strategien für solche Situationen zu entwickeln, ist wichtig. Dafür eignen sich vor allem Selbstverteidigungskurse oder Kampfsport, in denen man gezielte Schläge und Tritte lernt, um seinen Angreifer zu bezwingen. Zudem geben sie Sicherheit und nehmen die Angst sich nicht wehren zu können.


Doch auch Männer bzw. andere Personen auf der Straße können, indem sie ihre eigenen Handlungen hinterfragen, zu einem verstärktem Sicherheitsgefühl von Frauen beitragen. Beispielsweise hilft es sich bewusst zu machen, dass ein Anmachspruch um vier Uhr morgens anders wirken kann als um vier Uhr nachmittags; Kommentare, die sich auf das Äußere von Frauen beziehen, zu unterlassen und vielleicht auch darauf zu achten Frauen nicht zu bedrängen oder genau hinter ihnen zu laufen.


Denn Frauen sollten auf der Straße oder in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln abends keine Angst haben. Aus diesem Grund sollten sie sich auch nicht stoppen lassen abends allein auszugehen. Der Weg nach Hause stellt normalerweise keine reale Gefahr dar. Trotzdem gilt wie in vielen Situationen des Lebens lieber einmal vorsichtiger zu sein und brenzlige Situationen zu vermeiden.

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