Liebe ohne „Treue“?

Kira ist eine experimentierfreudige Person, sie geht gern auf Partys, liebt es neue Menschen zu treffen. Eigentlich war sie gar nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Als sie aber Tim über Tinder kennenlernt, passt alles so gut, dass die beiden sich entschließen zusammen zu kommen. Mittlerweile sind sie schon seit drei Jahren ein Paar. Sie teilen gemeinsame Werte, sind sich in vielem einig: auch darüber, dass sie nicht immer komplett monogam leben wollen. Das bedeutet für sie, ihre Beziehung zu öffnen. Auch Sex mit anderen Personen zu haben, Gefühle zuzulassen, wenn ihnen danach ist.


Wie soll das funktionieren? Ist man nicht eifersüchtig, wenn der/die Partner*in mit jemand anderem Sex hat oder etwas teilt? Das sind Fragen, die Menschen in einer offenen Beziehung oft gestellt werden, auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Für viele meiner Freund*innen ist das Konzept einer offenen Beziehung nicht greifbar. Sie können sich nicht vorstellen, wie das funktionieren soll.


Der Glaube, dass Monogamie das einzig Richtige ist, ist tief in der Gesellschaft verankert. Die Folge daraus: Viele denken, wenn man seine Beziehung öffnet, muss irgendetwas nicht stimmen. Dabei habe ich viele Freund*innen bei denen das gut funktioniert, zum Beispiel bei Kira, aber auch bei Helena (sie hat darüber sogar einen Blog geschrieben: www.aussergewoehnlichblog.de).


Helena ist schon seit 7,5 Jahren mit ihrem Freund Jonas zusammen. Wenn sie von ihm erzählt, wirkt sie überglücklich. Kennengelernt haben sie sich in der Schule. Beide waren 17 Jahre alt, haben ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemeinsam gemacht. Sie können sich vorstellen, ihr Leben gemeinsam zu verbringen, allerdings nicht in einer monogamen Weise. Aber wie ist es jemand anderen als den/die Partner*in zu daten? Wie bleibt man sich in einer offenen Partnerschaft nah?


„Reden, reden, reden“, sagt Helena. „Seitdem wir eine offene Beziehung führen, sprechen viel mehr über unsere Gefühle, unsere innersten Ängste“. Sie seien einander viel näher, würden sich auch über „unangenehmere“ Themen austauschen. Zum Beispiel, wenn sie jemand anderen gut finden, aber auch, wenn sie eifersüchtig sind.


Das war am Anfang natürlich nicht so einfach, wie es jetzt klingt. Sie haben lange über ihre Gefühle und Bedenken gesprochen. Helena beschreibt das als emotionales Yoga. Sie sagt, in einer Beziehung müsse man auch unangenehmere, irrationale Gefühle zulassen, und mit diesen in der „Dehnung“ bleiben: „Denn nur wenn man sich mit diesen Gefühlen beschäftigt, kann man verstehen, was den Schmerz auslöst und mit ihm umgehen“.


„Wenn Jonas mir erzählt, dass er sich gerade mit einer anderen Person getroffen hat, klingeln bei mir manchmal die Alarmglocken und ich bekomme Tränen in den Augen“, gibt sie zu. „Aber dann reden wir miteinander und ich merke, wo diese Gefühle herkommen“. Meistens habe das gar nichts mit Jonas Verhalten zu tun, sondern damit, dass sie unsicher mit sich selbst sei, erklärt Helena. Oft habe sie auch das Gefühl, dass sie so reagieren müsse, weil sie es so vorgelebt bekommen hat.


Erst mit der Zeit habe sie verstanden, dass ihr Freund auch andere Frauen lieben kann, ohne sie weniger zu lieben – und natürlich auch andersherum. „Dass wir jetzt einfach darüber reden können, zeigt mir, wie besonders unsere Verbindung ist“, erzählt Helena.


„Miteinander zu kommunizieren, gibt uns Sicherheit“, sagt auch Kira. Tim und sie sprechen sehr offen über ihre Bedürfnisse und Grenzen. „Uns ist es wichtig, zu kommunizieren, wenn man sich mit etwas oder auch einer Person, der/die andere datet, nicht wohlfühlt“. Ihr sei es wichtig zu betonen, dass es in offenen Beziehungen ein vor und ein Zurück geben kann. „Nur weil es vielleicht in einem Moment in Ordnung ist, heißt es nicht, dass sich das nicht verändern kann“, sagt sie.


„Eine offene Beziehung ist nicht statisch“, erklärt Helena. Beziehungen sind schließlich zwischenmenschliche Prozesse, bei denen es um Kompromisse und Aushandlungen geht.


Für sie sei es beispielsweise am Anfang gut gewesen, festere Regeln zu haben: Sie und ihr Freund wollten sich alles erzählen, was der andere/die andere ausprobiert hat. Wichtig war auch, dass sie niemand aus dem Freund*innenkreis treffen. Mit der Zeit seien die Regeln aber immer mehr verschwommen: „Im Laufe der Zeit haben sich auch unsere Bedürfnisse verändert“. Sie hätten gemerkt, dass sie mehr als sexuelle Erfahrungen wollen. Heute treffen sich beide auch längerfristig mit anderen Menschen.


„Man kann die Beziehung so gestalten kann, wie man möchte. Ohne äußerliche Zwänge“, sagt Kira. Das fände sie so toll an offenen Beziehungen: „Ich habe das Gefühl, dass man nicht in einem Konzept gefangen ist, sondern gemeinsam entscheiden kann, was man möchte. Alles ist fluide“, erklärt sie.


Mit einer Hauptregel: Kira und ihr Freund Tim sind füreinander Priorität, das heißt, dass sie gemeinsam Entscheidungen treffen. Im Gegensatz zu Helena gibt es bei ihnen im Moment keine anderen Menschen, mit denen sie sich längerfristig treffen. Das kann sich Kira im Moment auch noch nicht vorstellen. Trotzdem würde sie es auch nicht ausschließen. „Vielleicht führe ich auch mal eine polyamoröse Beziehung*“, ergänzt sie.


Offene Beziehungen sind eine Art, Beziehungen zu gestalten, finden Kira und Helena. Eine Variante, wie Beziehungen auch über längere Zeit funktionieren können, ohne dass man sich auf eine emotionale und sexuelle Beziehung festlegen muss. „Es ist nichts Außerirdisches oder Verrücktes, so wie es teilweise dargestellt wird“, sagt Helena.


Aber natürlich auch nichts für jede*n zu jedem Zeitpunkt. Das findet auch Kira. Trotzdem sollte ihrer Meinung nach jede*r einmal über das Prinzip der offenen Beziehung nachdenken, und sich dafür offen zeigen.


*Liebesbeziehung zu mehreren Menschen