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Arabisch und jüdisch

Aktualisiert: 18. Dez 2019

Die Sonne strahlt, ein kalter Wind weht. Es ist ein typischer Tag in Berlin. In einem Café in Kreuzberg treffe ich Mati Shemoelof, Autor und Poet. Als ich ankomme, trinkt er einen Americano, liest vertieft in einem Buch. Neben ihm liegen weitere Bücher. Darunter auch seine zwei eigenen ,,Bagdad, Berlin, Haifa‘‘ und ,,reißt die Mauern ein zwischen Uns und Ihnen‘‘. Stolz präsentiert er mir seine Werke, die sowohl in seinem Heimatland Israel publiziert wurden, als auch von dem Berliner Verlag AphorismA.


Seit sechs Jahren wohnt er nun schon in der deutschen Hauptstadt, geboren ist er in Haifa, Israel. Seine Heimat verließ er jedoch aufgrund der politischen Situation im Jahr 2013. In Berlin habe er die Freiheit gefunden, die er gebraucht habe. Auch um sich mit seiner eigenen Identität auseinanderzusetzen. Denn Mati Shemoloef ist kein gewöhnlicher Israeli, sondern arabischer Jude.


Arabisch und gleichzeitig jüdisch? Das klingt zuerst einmal wie ein Paradox. Stereotypisch denken wir bei Juden an Menschen europäischer Herkunft, nicht arabischer. Menschen, die in Folge des Holocausts nach Israel flohen. Aber natürlich gingen nicht nur die europäischen Juden nach Israel, sondern Juden aus aller Welt. Vor allem auch Juden aus den umliegenden Gebieten flohen oder immigrierten freiwillig in den 1920er Jahren nach Palästina oder später nach Israel. So auch Shemoloefs Familie, die aus dem Irak und Iran nach Israel kam.


Zwischen den beiden jüdischen Gruppen wird bis heute im israelischen Staat eine Unterscheidung gemacht. Die arabischen Juden werden als Mizrachim bezeichnet. Das bedeutet so viel wie ,,aus dem Osten kommend‘‘. Die europäischen als Aschkenasim.

Viele Israelis sind aschkenasische Juden und fühlen sich folglich dem europäischen Kontinent und dessen Kultur näher als dem arabischen. Deshalb versucht sich der israelische Staat auch von der arabischen Kultur abzugrenzen. Für ihn beginnt der ,,Orient‘‘ erst nach Israel. Aus diesem Grund wollte der israelische Staat schon von Anfang an nicht, dass Israelis zu Arabern werden. Schon David Ben-Gurion, Israels erster Ministerpräsident, teilte diese Meinung.


Das hat Konsequenzen für die arabischen Juden, denn deren Kultur ähnelt eher der arabischen als der europäischen. Folglich würden sie sich laut der Professorin Ella Shohat ,,schizophren” fühlen, da sie ihre arabische Kultur in Israel nur bedingt ausleben könnten und gleichzeitig nicht komplett Teil der israelisch-europäischen Kultur sein. Es gebe immer noch Differenzen zwischen den beiden jüdischen Gruppen – auch sozial. Viele arabische Juden leben in ärmlichen Verhältnissen. Mati Shemoloef will sich für diese einsetzen – schreibt Gedichte und Bücher, organisiert Literaturgruppen und engagiert sich politisch, um die Identität der arabischen Juden in Israel zu erklären.


Herr Shemoelof, wie werden Ihrer Meinung nach arabische Juden in Israel gesehen?


Es gibt einen Film ,,Sallah Sabati", der exemplarisch für das Stereotyp ist. Er zeigt einen Ashkenasi Mann, der mit einem Anzug und einem Kind aus dem Flugzeug kommt. Und dann ist da noch der arabische Jude, der nicht weiß, wie viele Kinder er hat, weil es einfach so viele sind. Er ist primitiv und nicht gebildet. Wie seine Frau, die nicht gebildet ist und sich nicht um die Kinder kümmern kann. Das war oder ist das Bild der arabischen Juden, dass sie kein Wissen, keine Kultur oder Kontrolle über ihr Leben haben.


Ist dieses Stereotyp noch gültig?


Ich denke, das Stereotyp hat sich im Laufe der Jahre verändert, vor allem durch Filme und Musik. Es gibt viel Bewusstsein. Aber trotzdem kann man schreckliche Stereotypen finden, wie beispielsweise wenn man die berühmteste Comedy-Show in Israel sieht. Sie werden auch von arabischen Juden selbst hergestellt, um Witze zu machen. Zum Beispiel sprechen sie miteinander wie ,,Affe, warum gehst du nicht zur Schule? und dann lachen sie. Aber es gibt eine Debatte darüber in Israel. Und heute ist es schwer rassistisch zu sein, ohne eine Diskussion auszulösen. Ich lebe seit sechs Jahren nicht mehr in Israel, aber ich höre viel von der Situation. Und ich bin stolz auf das, was ich höre. So geht es weiter, aber es ist nicht linear.



Aber haben arabische Juden immer noch das Gefühl, dass sie ihre Identität in Israel nicht ausleben können?


Ja. Ich habe 41 Jahre in Israel gelebt und das gesamte Bildungssystem hat mich nichts über meine Kultur gelehrt. Ich habe nur etwas über die europäische und nationale Geschichte erfahren. Die ganze Geschichte der arabischen Juden wurde gestrichen. Meine Großeltern kommen aus dem Irak und dem Iran. Orte, die ich mit meinem Pass nicht besuchen kann. So erfuhr ich nie etwas über meine Identität. Auch die Sprache ist vergessen. An Schulen oder Universitäten wird Arabisch nicht als Alltagssprache unterrichtet, sondern nur für formale Anlässe. Das Erlernen der arabischen Sprache wäre ein Anfang, um die Kultur kennenzulernen, obwohl arabische Juden ihre Version des Arabischen sprechen. Außerdem ist es nicht wirklich möglich, die irakisch-jüdische Musik laut zu hören. Ich wurde zum Beispiel gebeten, sie auszumachen. Allerdings wird die Musik der arabischen Juden durch Social Media immer beliebter. Du kannst dir Videos und Filme von irakischen Juden ansehen. Auch im religiösen Kontext findet man den Einfluss der arabischen Juden. In der Synagoge singen sie zum Beispiel in den arabischen Skalen.


In Ihrem Buch haben Sie gesagt, dass arabische Juden kritisch gegenüber Palästinensern sind. Wie ist ihr Verhältnis zur arabischen Welt im Allgemeinen?


Auf der einen Seite glaube ich, dass sie denken, dass die arabische Welt einen Teil ihrer Identität leugnet oder unterdrückt, während die europäische Kultur legitim ist. Sie wachen auf und sehen das ,,Arabische‘‘ ihrer Körper. Sie erkennen, dass sie nicht weiß sind und nicht wie die anderen aussehen. Auf der anderen Seite leben sie in einem Land, das sich von der arabischen Welt trennen will. Im Radio hören sie von den Kämpfen der Araber und Juden und der Premierminister spricht negativ über die Araber. Selbst wenn sie sich der arabischen Welt nähern, sind sie also immer noch im jüdischen Kollektiv. Das ist ihr Paradoxon und die Mizrachim Bewegungen versuchen dagegen anzukämpfen. Sie wollen eine Verbindung zur arabischen Welt herstellen.


Die irakischen Mizrachim mussten ihr ganzes Hab und Gut aufgeben als sie Israel verließen. Ist das der Grund für ihre sozialen Probleme?


Natürlich. Die irakische Regierung gab den irakischen Juden nie Geld zurück. Und selbst wenn sie es ihnen zurückgeben würden, würde Israel es nehmen und nicht dem Volk geben. Aber das ist nicht der einzige Grund für ihre sozialen Probleme. Auch das israelische kapitalistische System spielt eine Rolle. Als Israel gefunden wurde, wurden die Ressourcen an verschiedene Arten von ethnischen Gruppen gegeben. Die Aschkenasim erhielten mehr Geld und Hilfe von der Regierung, die arabischen Juden weniger. Sie wurden ausgeraubt und allein gelassen, sowohl kulturell als auch wirtschaftlich. Es gab nur ein einziges Mal, nach der Bewegung der Black Panthers, als die israelische Regierung den Armen etwas zurückgab. Aber dann liberalisierten sie das Wirtschaftssystem und Israel beschloss, die soziale Unterstützung zu beenden. Sie sagten, wenn sie etwas Geld bekommen wollen, können sie in die besetzten Gebiete gehen. Deshalb gingen viele arabische Juden dorthin und wurden noch mehr ausgeschlossen. Aber dieses Versagen des Systems wird nicht gesehen, der israelische Staat versucht, dem irakischen System die Schuld dafür zu geben.


Können arabische Juden Ihrer Meinung nach Vermittler zwischen Juden und Arabern sein?


Ich denke es gibt eine Möglichkeit. Ich meine es gab eine große Chance als sie nach Israel kamen. Aber Israel ignorierte und ghettoisierte sie. Sie versuchten sie von der arabischen Kultur fernzuhalten und tun es immer noch. Sie sagen, dass sich das arabische Volk nicht um die Misrachim kümmerte, sie rauswarf und dass sie, die israelische Regierung, sich ihrer annahmen. Sie sind eine Nation. Diese Erzählung wird verwendet, um sich als liberales Land zu präsentieren und die Idee von Israel zu unterstützen. Sie wollen sich von der arabisch-asiatischen Welt trennen.


Wie kann die Tradition der arabischen Juden aufrechterhalten werden?


Ich denke der erste Schritt ist, darüber in der Schule zu unterrichten. Und sie versuchen, das zu tun. Aber wir müssen darauf achten, dass die Geschichte auch vom Volk der Misrachim erzählt wird. Außerdem ist es wichtig, die Kultur in den Alltag zu integrieren. Es gibt zum Beispiel viel Poesie und Musik. Auch in Synagogen ist die mizrachische Kultur sehr beliebt. Man kann sagen, dass die Mizrachim bereits akademisch und kulturell gewonnen haben, aber nicht politisch und nicht im Hinblick auf das Bildungssystem.

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