• marieflora

Verliebt, verlobt, verheiratet?

Es ist soweit. Ich bin Mitte 20 - und die Glocken fangen langsam an zu läuten. Nicht für mich - aber für immer mehr Menschen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis. Was ich bis vor ein paar Monaten nicht für möglich gehalten hätte, ist nun eingetroffen. Die ersten haben sich verlobt und wollen heiraten. 


Das hat mich nicht unbedingt gewundert. Ich habe mich gefreut, dass sie nun bereit sind den nächsten Schritt zu gehen. Trotzdem habe ich es nicht so bald erwartet. Mein Freundeskreis ist, wie wahrscheinlich der von vielen anderen auch, sehr unterschiedlich in Bezug auf das Thema Ehe eingestellt. Manche können es sich überhaupt nicht vorstellen zu heiraten, andere sind sich noch unsicher und würden es abhängig von dem/der jeweiligen Partner*in machen, wieder andere wissen hingegen genau, dass sie einmal heiraten werden. 


Heiraten - das ist in unserer Generation eine umstrittene Sache. Schließlich sind wir in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der eine von drei Ehen wieder geschieden wird. Jede*r kennt mindestens ein Kind mit geschiedenen Eltern. Einige haben selbst eine Trennung oder Scheidung der Eltern erlebt. Es ist folglich also klar, dass die Ehe erst einmal kritisch hinterfragt wird und dem ,,Happy ever after’’ per se nicht vertraut wird. 


Denn die Ehe ist für viele ein veraltetes Konstrukt. Entstanden aus dem Glauben heraus, schließlich schwört man sich traditionell vor Gott die ewige Treue. Die ewige Treue, nur mit einer Person ins Bett zu gehen, nur eine Person das ganze Leben lang zu lieben. Auch das entspricht nicht der Vorstellung meiner Generation, der ,,Generation beziehungsunfähig’’.





Außerdem verbinden einige die Ehe mit Abhängigkeit und dem Patriarchat. Und das nicht ohne Grund: früher galt es als das größte Ziel der Frauen eines Tages zu heiraten. Eine Trauung bedeutete finanzielle Sicherheit, gleichzeitig aber auch die Abhängigkeit vom Mann und eine bestimmte Rollenverteilung: die Frau war für die Kinderbetreuung, der Mann für die Finanzierung der Familie zuständig. 


Nun sind Frauen finanziell unabhängiger, haben ihren eigenen Job und verdienen ihr eigenes Geld. Also müssen sie nicht unbedingt heiraten. Ihren Nachnamen möchten sie vielleicht lieber behalten, anstatt den von ihrer/ihrem Partner*in anzunehmen. Ihr Geld vielleicht lieber alleine ausgeben, anstatt es mit dem/der Partner*in zu teilen. Gleiches gilt für den Mann: er ist gesellschaftlich nicht mehr dazu gezwungen zu heiraten. Er kann auch ohne Verlobung mit seinem/seiner Partner*in Kinder bekommen, ohne gesellschaftlich geächtet zu werden. Trotzdem entscheiden sich viele junge Menschen dafür den Schritt zu gehen und sich das Ja-Wort zu geben. Die Forscherin Stephanie Coontz prognostiziert, dass 80% der Millennials im mittleren Lebensalter verheiratet sein werden. Aber wieso heiraten Millennials noch? Weil es einfach zum Leben dazugehört?


Als erstes Argument für die Ehe werden oft steuerliche Vorteile angeführt. Dank des Ehegattensplittings zahlen Paare zusammen weniger Steuern. Aber auch andere Vorteile werden genannt. Bei Krankheitsfall sei man beispielsweise Ansprechpartner*in und dürfe die erkrankte Person besuchen und entscheiden, was mit ihr passiert. Zudem ist es möglich den Nachnamen der anderen Person anzunehmen und somit seiner Familie einen einheitlichen Namen zu geben. 


Das mögen zwar überzeugende Motivationen sein. Aber laut einer Studie sind dies nicht die Hauptgründe, aus denen meine Generation heiratet. Den Millennials ist es vor allem wichtig eine dauerhafte Beziehung zu führen, den Rückhalt in der eigenen Familie zu finden und ihre Partnerschaft nach außen zu präsentieren. Sie sind im Endeffekt doch Romantiker*innen und glauben an das Konzept das ganze Leben mit einer Person zu verbringen. Wer könnte es ihnen auch verübeln. Die Vorstellung gemeinsam mit jemanden sein Leben, in guten wie in schlechten Zeiten, zu meistern, ist auch einfach schön. Doch muss man dafür ein weißes Kleid und goldene Ringe tragen? Die Hochzeit als Traum aller Mädchen verkaufen? 


Das fragen sich einige der Millennials. Sie überdenken das traditionelle Konzept der Ehe. Heiraten in der Kirche ist nicht mehr unbedingt angesagt, viele lassen sich nur im Standesamt trauen. Sie wollen sich unabhängig von der sexuellen Orientierung das Ja-Wort geben, die Familie und die Karriere in Balance halten und bei der Familienplanung nichts dem Zufall überlassen. Aus diesem Grund gehen sie vorsichtiger mit dem Thema Ehe um. Sie überlegen sich länger, ob sie heiraten möchte. Viele Paare würden Studien zufolge erst nach sechs Jahren Beziehung über eine Heirat nachdenken.


Die Millennials haben also aufgrund ihrer Erfahrungen die Rahmenbedingungen der Ehe verändert, das wann und wie. Aber nicht die Ehe an sich. Das scheint für sie zu funktionieren. Die Scheidungsrate ist zwischen 2008 und 2016 um 18% gesunken. Viele Millennials scheinen die Eheschließung also nicht zu bereuen. Der Ruf der ,,Generation beziehungsunfähig” scheint somit nicht unbedingt zuzutreffen. Denn im Endeffekt glaubt die Generation doch immer noch an die Liebe. Diese scheint nie aus dem Trend zu kommen. 


Aber der Generation wird gleichzeitig auch bewusst, dass Liebe auch ohne Hochzeit funktioniert. Die Ehe ist nicht mehr die einzige legitime Form einer ernsthaften Beziehung. Man muss nicht heiraten. Und so sollen sich auch nur diejenigen sich das Ja-Wort geben, die es auch möchten und für nötig halten.  


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